Leistungsfähige Wasserwege und heimische Rohstoffe

Eine Industriegeschichte der Metropolregion Hamburg

Von Sven Bardua

Die Metropolregion Hamburg ist eine besondere Industrieregion. Ihr Bild wird weder von Schornstein-Landschaften noch von gewaltigen Rohstoffquellen bestimmt. Die mit der Industrialisierung verbundene Technik ist oft Teil der Landschaft geworden, verschwindet in der Weite des Kulturraumes, macht aber auch den Reiz aus. Der entscheidende Standortfaktor ist die Elbe mit ihren Nebenflüssen und Kanälen. Preiswerte Transporte auf dem Wasser haben hier die Industrialisierung ermöglicht.

Dennoch spielten die Rohstoffe der Region eine wichtige Rolle. Es waren Getreide und Rüben, Obst und Gemüse, Fleisch und Milch, Wolle und Felle aus der Landwirtschaft. Getreidemühlen, Brauereien, Brennereien, Textil- und Lederfabriken verarbeiteten sie in vielen Orten. Holz aus der Region wurde zum Bau von Schiffen und Häusern eingesetzt, der Stackbusch im Wasserbau. Kalkstein, Ton, Kies und Reet wurden zu Baustoffen verarbeitet. Aber auch Torf, Fisch und viel fließendes Wasser waren wichtige Rohstoffe. Eine besondere Rolle spielten Salz aus Lüneburg und Stade sowie Erdöl aus Dithmarschen: Auf dieser Grundlage siedelten sich in Stade und Brunsbüttel nach dem Zweiten Weltkrieg große Chemiefabriken an. Weitere Rohstoffe wurden preiswert über die Weltmeere in die Region geholt, traditionell vor allem Steinkohle, Erdöl, Kautschuk und Ölsaaten.

Später Beginn des Industriezeitalters

Die Region war ein „Spätzünder“. Mitte des 19. Jahrhunderts, als es in anderen Räumen des europäischen Festlandes längst industriell brummte, gab es im Großraum Hamburg wenig Fabriken. Doch die ersten Impulse waren da. Bahnlinien, aber auch Chausseen wurden gebaut und Hamburg ergriff die Chance, seine Struktur nach dem Großen Brand von 1842 zu modernisieren. Nach der Revolution von 1848 gab es für die Industrie in der gesamten Region eine erste Gründungsphase. Es entstanden kleine Fabriken mit oft nur zehn oder zwanzig Beschäftigten. Sie entstanden vielfach aus Handwerksbetrieben oder Wassermühlen, die von den wasserreichen Bächen der Geest profitierten.

Die Mühlen vermahlten Getreide, arbeiteten aber auch als Sägewerke, Ölmühlen oder Papierfabriken. So gab es an der Este in Buxtehude im Stadtteil Altkloster seit 1622 eine Papiermühle, die 1845 zu einem Industriebetrieb wurde. Weil Lumpen als Rohstoff für die Papierproduktion knapp wurden, baute der Besitzer 1867 gleich nebenan eine Strohzellstofffabrik. 1925 geriet der Betrieb in Konkurs und wurde stillgelegt. Aus anderen Mühlenstandorten entwickelten sich im 20. Jahrhundert kleine Wasserkraftwerke.

Die ersten Dampfmaschinen

So entstanden in einer landwirtschaftlich geprägten Region kleine Inseln der Industrie, die über die Verkehrswege immer stärker vernetzt wurden. Für alle Branchen entscheidend war der Einsatz von Dampfmaschinen. Rauchende Schlote waren deshalb ein Symbol des Fortschritts. Schon 1816 war das erste Dampfschiff „The lady of the lake“ die Elbe hinaufgefahren. Und 1832 hatte Hamburg den ersten Dampfbagger in Betrieb genommen, um das Elbfahrwasser von Untiefen zu befreien.

Die politischen Ereignisse beflügelten die Industrialisierung: Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg kam Holstein 1867 zu Preußen. Hamburg schloss sich dem Norddeutschen Bund an und Preußen annektierte das Königreich Hannover. Schließlich wurde 1871 das zweite Kaiserreich gegründet. Damit fielen die Zollschranken weitgehend und für Hamburg begann eine sehr lange Aufschwungphase, beschleunigt 1888 mit dem Beitritt zum Deutschen Zollverein. 1866 hatte die Stadt den entscheidenden Schritt zum wichtigsten deutschen Seehafen unternommen und mit dem Sandtorhafen das erste moderne Hafenbecken angelegt. 1872 wurden in Hamburg die ersten Brücken der Region über die Elbe gebaut, so dass sich die Stadt auch nach Süden ausdehnen konnte. Wegweisend war der Bau des modernen Hamburger Hafens als offener Tidehafen: Er war und ist schneller und billiger als ein mit Schleusen versehener Dockhafen, wie er zum Beispiel in London entstand.

Flüsse und Kanäle als preiswerte Infrastruktur

Grundsätzlich bieten Wasserstraßen eine sehr preiswerte Infrastruktur, die in ihrer natürlichen Form nicht extra eingerichtet werden muss. Deshalb gab es einst für jeden Wasserweg in der Region das richtige Schiff und den passenden Prahm. Ihr Einzugsbereich war zum Teil recht groß. So fuhren die verschiedenen Ewer und Jollen von den kleinen Flüssen nach Hamburg und die Oberelbe hinauf, aber auch bis in die Küstenorte der Nordsee. Die Priele, Flüsse und Kanäle boten damit ein feinmaschiges Verkehrssystem. Vor allem die ursprünglich für den Landverkehr undurchdringlichen Marschen profitierten davon. Mit dem Transport von Massengütern konnte sich auch die Kleinschifffahrt noch lange gegen die Eisenbahn behaupten.

Selbst kleine Wasserwege waren bedeutend. Die heutigen Bäche der Stecknitzfahrt zwischen Lübeck und Lauenburg oder der schmale Oste-Hamme-Kanal bei Bremervörde waren einst wichtige Verkehrsadern. So befuhren im Jahr 1875 mehr als 2500 Kähne mit etwa 19.000 Tonnen Fracht den Oste-Hamme-Kanal. Transportiert wurden vor allem Torf sowie Glaswaren der Marienhütte Gnarrenburg. Die Tropfenzähler der Glashütte wurden über Hamburg in die Welt exportiert. Noch stärker auf den Export ausgerichtet war die Schrotfabrik in Drochtersen-Barnkrug. Von dem 1908 erbauten Schrotkugelturm war es nur ein kurzes Stück bis zur Elbe, so dass die Munition direkt auf ein großes Schiff verladen werden konnte.

Umgekehrt kamen die Waren über den Seeweg ins Land, mussten verarbeitet und weiter transportiert werden. So verdrängte die englische Kohle den Torf als Brennstoff, versorgte Kraftwerke, Gaswerke und Fabriken. Auch Kalkstein wurde über den Wasserweg importiert und war die Grundlage für die Zementfabriken in Uetersen und in Buxtehude. Letztere gilt als die erste Portlandzementfabrik in Deutschland. Später entstanden riesige Zementfabriken auf eigenem Rohstoff in Itzehoe und Lägerdorf an der Stör sowie in Hemmoor an der Oste. Selbstverständlich nutzten sie für den Abtransport den Wasserweg, ebenso die vielen Ziegeleien in den Elbmarschen und die Kieswerke am Elbe-Lübeck-Kanal. Dank über den Wasserweg importierte Rohware entstanden die Papierfabriken in Uetersen und Glückstadt. Wie einige andere Branchen nutzten sie das Flusswasser auch für die Produktion.

Schon früh veränderten die Menschen die natürlichen Gegebenheiten, um eine leistungsfähige Infrastruktur zu schaffen. Sie begradigten und vertieften die Flüsse, bauten Schleusen für einen höheren Wasserstand und legten Kanäle als ganz neue Wasserstraßen an. Trotz der schon im 19. Jahrhundert begonnenen Strombaumaßnahmen gilt die Elbe bis heute als schwieriges Fahrwasser. Damit die Schiffe hier auch bei Dunkelheit fahren konnten, begann Hamburg 1889 mit dem Bau von Leuchttürmen für eine Richtfeuerkette und installierte ein neues System von Fahrwassertonnen. Für eine durchgängig größere Fahrwassertiefe sorgen auch die im 19. Jahrhundert angelegten Buhnen der Oberelbe.

Das „richtige“ Wasser für Landwirtschaft und Siedlungen

Insgesamt hat der Wasserbau viel bewegt. Mit etlichen Gräben und Schöpfwerken wurden die Marschen und Moore entwässert, damit für eine industrialisierte Landwirtschaft nutzbar gemacht. Auch Eisenbahn, Straßen und Siedlungen konnten oft erst anschließend gebaut werden. Umgekehrt werden die Marschen traditionell mit Deichen vor den Sturmfluten geschützt. Doch es gibt auch Stellen mit zu wenig Wasser. So baute man in Bardowick um 1932 zusammen mit der Ilmenauschleuse ein Pumpwerk, um den örtlichen Polder zu bewässern. An vielen Orten gab es zudem windbetriebene Bewässerungsanlagen. Und das Wasser der Heidebäche wurde einst über kleine Kanalsysteme auf die Rieselwiesen geleitet.

Im Industriezeitalter lebten auf einmal viele Menschen auf dichtem Raum und mussten mit sauberem Wasser versorgt werden. Oft wurden direkt an den Flüssen Wasserwerke gebaut, in denen das wichtigste Lebensmittel gereinigt und gespeichert wurde. Heute fördern die Wasserwerke der Region das Trinkwasser aus Brunnen. Doch als Wahrzeichen in den Städten und Gemeinden blieben viele Wassertürme aus der Frühzeit der Wasserversorgung erhalten. Nicht so augenfällig, aber nicht weniger eindrucksvoll sind die unterirdischen Abwassersysteme und die Kläranlagen.

Schiffe und Maschinen passend zur Region

Je nach Lage, Rohstoff und politischen Verhältnissen haben die Städte und Gemeinden in der Metropolregion Hamburg einen sehr unterschiedlichen Weg genommen, sind dabei aber stets Teil des Ganzen geblieben. Für Hamburg ist die Elbe die Zufahrt zur Welt – doch auch die Orte an der Niederelbe profitierten von dem Handel der Hamburger, wie auch viele andere in das Verkehrsnetz eingebundene Städte. Orte wie Pinneberg, Mölln und Visselhövede erlebten dank der Eisenbahn überhaupt den Aufschwung ihrer Industrie. Mit der Bahn entstanden viele Maschinenfabriken und Gießereien mit Schwerpunkten im Schiffbau und in der Verarbeitung regionaler Produkte. Einer der vielen für die Region typischen Impulse war 1891 der erste elektrische Hafenkran in Hamburg, den die örtliche Firma Kampnagel gebaut hatte. Auch die heutige Flugzeugindustrie ist typisch für den Standort am Wasser: Sie geht auf den Werftbesitzer Blohm und die Produktion von Wasserflugzeugen zurück.

Die Hamburger Industriegebiete entstanden nicht nur im Hafen, sondern auch an innerstädtischen Kanälen: am Osterbekkanal in Barmbek, in Hammerbrook und Billwerder, auf der Peute und am Schleusengraben in Bergedorf. Die bis 1937 selbstständigen Städte Altona-Ottensen und Harburg-Wilhlemsburg hatten ebenfalls große Häfen und profilierten sich über einen eigenen Branchen-Mix in Konkurrenz zu Hamburg. In Ottensen war die fischverarbeitende und die Metallindustrie mit den Schiffbauzulieferern stark. Harburg war mit der Verarbeitung von Erdöl, Kautschuk und Ölsaaten überregional führend.

Sprengstoff, Salz und Fisch – Städte gehen eigene Wege

Die Entwicklung der Städte neben Hamburg war oft speziell: Cuxhaven an der Elbmündung entwickelte seine Fischindustrie erst nach dem Bau der Eisenbahn. Die Schifferstadt Lauenburg konnte sich dank ihrer Lage im Eisenbahnnetz, an der Elbe und am Elbe-Lübeck-Kanal mit dem Schiffbau und der Zündholzproduktion auch nach dem Wegfall der Salztransporte weiter entwickeln. Dagegen verarmte Lüneburg zunächst mit dem Niedergang der Salzindustrie und des Speditionswesens im 19. Jahrhundert. Es war danach von öffentlicher Verwaltung und Militär geprägt, ehe die Stadt am Elbe-Seitenkanal später wieder einen leistungsfähigen Hafen bekam. Auch die alte Hansestadt Stade war in seiner Entwicklung lange von Verwaltung und Militär geprägt, ehe die Stadt in der Nachkriegszeit einen Hafen direkt an der Elbe sowie großflächige Industrieansiedlungen unter anderem auf Militärgelände umsetzen konnte. Geesthacht schließlich verdankte seinen Aufschwung der von 1865 bis 1945 betriebenen Sprengstoffproduktion, die nach dem Zweiten Weltkrieg durch andere Branchen, ein Forschungszentrum und die Energiewirtschaft ersetzt wurde. Viele Wege in das Industriezeitalter sind typisch für die Region, andere sehr speziell – immer aber sind sie spannend.